Arbeitsbedingungen Ratgeber

Das freiberufliche Ensemble

Stephan Sieben
Geschrieben von Stephan Sieben
Wie definiert man eine Gruppe, die sich freiberufliches Ensemle oder Orchester nennt? – Die Konkurrenz unter den Ensembles – Zugehörigkeit – Eigene Einschätzung – Alte Musik und moderne Musiker (Epilog)

Vielleicht ist dieser Begriff ungenau oder unbekannt, dennoch wird er in bestimmten Musikerkreisen viel genutzt. Im folgenden Aufsatz möchte ich allgemein von einem Ensemble oder Orchester berichten, das freiberuflich arbeitet oder aus freiberuflichen Musikerinnen und Musikern besteht.
Namen werden nicht genannt, und ich greife keine Beispiele auf um zu loben oder zu tadeln. Ebenso ist dies keine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema: freiberufliche Strukturen im Musikleben. Vielmehr ist es ein Bericht über eigene Erlebnisse und über Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und deren Erfahrungen. Einer von ihnen forderte mich dazu auf, in einem geschriebenen Text davon zu erzählen.

1. Wie definiert man eine Gruppe, die sich freiberufliches Ensemble oder Orchester nennt?

Am Anfang gibt es immer einen „harten Kern“, von dem aus die Zündung erfolgt. Ideale, Wünsche und Ziele werden formuliert und erscheinen vielleicht im Orchester-Leitfaden, im Flyer oder in einer eigenen Website. Konzertprogramme werden ausgedacht, und natürlich wird nach Veranstaltern und Sponsoren gesucht. Man spricht weitere Musikerinnen und Musiker an, die in den noch fehlenden Positionen eingesetzt werden sollen. Ein erstes Projekt wird vorbereitet, ein Solist wird vom Veranstalter vorgeschlagen…
Oft sind die Instrumentalisten „der ersten Stunde“ eines neuen Ensembles selbst noch in einem Orchester tätig (Oper, Sinfonie-Orchester, Kammerorchester oder Rundfunk). Dadurch sind sie zeitlich begrenzt und finanziell unabhängig. Oder sie studieren noch. Arbeitet das freiberufliche Ensemble stilistisch ähnlich wie die vorher genannten Berufsorchester, benötigt man neben dem künstlerischen Leiter einen Manager, der u.a. die Anfragen der Veranstalter mit den Dienstplänen der Musikerinnen und Musiker koordiniert.

Auch im Fall eines Ensembles der historischen Aufführungspraxis braucht es einen Manager oder eine Managerin, die oder der sich um die finanzielle Seite des Ensembles und um neue Aufträge kümmert. Die Mitglieder müssen sich in der historischen oder historisierten Spielweise durch Kurse und vielleicht ein weiteres Studium kundig machen.
Das Instrumentarium ist eine wichtige Voraussetzung für einen einheitlichen Klang. Aber ist mit Studium und dem historischen Instrument alles getan? Sicherlich nicht. Man kommt aus den verschiedensten Schulen und musikalischen Hintergründen zusammen und bildet eine neue Gruppe. Deshalb kann nicht erwartet werden, dass das Ensemble sofort funktioniert. Im Fall eines Barockorchesters ist die erste Geige (Konzertmeister/in) ebenso wichtig wie das Continuo oder umgekehrt. Eine künstlerische Leitung ist unabdingbar. Oft gibt es für die anstehenden Projekte zu wenig Geld für die Mitwirkenden. Das Zusammenwachsen braucht Zeit, und die Konkurrenz ist groß.

2. Die Konkurrenz unter den Ensembles

Die Anzahl der Aufträge richtet sich u.a. nach Berühmtheit und Erfahrung eines Ensembles. Aber ist ein gutes Orchester auch bezahlbar? Nimmt der Veranstalter für ein Barock-Konzert im Schloss oder in der Kirche nicht lieber ein Ensemble, was nicht so kostspielig ist?
In der sogenannten „Alte Musik Szene“ erfolgt der Wechsel zwischen „Auf und Ab“ sehr schnell. Gerade hat das Orchester für eine CD-Aufnahme noch tief in die eigenen Taschen gegriffen, da bricht plötzlich ein wichtiges Opern-Projekt ersatzlos weg. Die Verträge waren zwar unterschrieben worden, aber für eine Ausfalls-Situation gab es keine Regelung. Der Manager des Ensembles wollte nicht nerven und hoffte, dass alles gut gehen würde. Das gesamte Festival stand auf wackeligen Füßen… Wer zahlt diesen Ausfall? Plötzlich steht die Zukunft eines Ensembles auf dem Spiel.
Ganz schlimm ist das Erwachen, wenn der abgesagten Gruppe bekannt wird, dass ein anderes Ensemble den Zuschlag bekommen hat und spielen darf. Was war der Grund? Nicht immer ist es das Geld. War die künstlerische Leitung des Orchesters dem Veranstalter oder Sponsor nicht genehm? Gab es einen Personalwechsel bei der Festivalleitung?
Vor einem Jahr sollte ein Orchester bei einer einstudierten und oftmals gelaufenen Produktion auf einem Festival durch ein anderes Ensemble ersetzt werden, und nur der Macht einer einzigen Künstlerin ist es zu verdanken, dass doch das ursprünglich angefragte Orchester eingeladen wurde. Dass Ensembles ausgewechselt werden geschieht nicht nur bei Festivals, sondern auch bei Konzert-Projekten in Schlössern, Kirchen und Konzertsälen, und jeder Fall ist auf eigene Weise dramatisch.
Es ist jederzeit gestattet und üblich, dass Musikerinnen und Musiker in mehreren Orchestern spielen, jedoch erlebt man starkes Nasenrümpfen in der eigenen Gruppe, wenn das jeweils andere Ensemble, von dem man gerade kam, besser im Geschäft zu sein scheint. Andere Ensembles, die ähnliche Programme spielen und die gleichen Orte ansteuern, werden kritisch beäugt. Manchmal wird der Kern eines freiberuflichen Orchesters angehalten, möglichst „zu Hause“, das heißt: im eigenen Orchester zu spielen, was zu Unstimmigkeiten führt.

Ebenfalls im persönlichen Bereich entsteht Konkurrenz. Wie in jedem Berufsorchester gibt es auch im freiberuflichen Ensemble helle Aufregung, wenn vermeintlich schlechtere Leute an den wichtigen Positionen musizieren und man selbst hinten sitzen muss. Darüber entstehen immer wieder Diskussionen, aber wer trifft in diesen Konflikten die Entscheidungen? Wahrscheinlich die künstlerische Leitung. Aber es gibt noch andere Meinungsführer. Wenn man keine Lobby hat, kann man sich auf jeden Fall schnell den Mund verbrennen oder für den eigenen „Austritt“ sorgen.

3. Zugehörigkeit

Jeder, der mit den wichtigen Entscheidungen des Ensembles zu tun hat und es zusammen mit wenigen anderen auf den Schultern trägt, wird nicht sofort zu einem lukrativen Angebot eines anderen Orchesters laufen, wenn es sich mit Terminen der eigenen Gruppe überschneiden würde. Aber sie oder er kann natürlich in der eigenen freien Zeit woanders spielen. Dabei darf aber nicht die vielfältige Arbeit übersehen werden, die ein gut laufendes Ensemble mit sich bringt: Noten für das nächste Projekt müssen eingerichtet werden, die Fahrten und Hotels müssen organisiert werden, wer macht den Flyer? dann gibt es noch ein Interview beim Radio… Es bleibt kaum noch Zeit für Proben und Konzerte bei anderen Ensembles. Oft liegt die Hauptarbeit bei der künstlerischen Leitung eines Orchesters, meistens sogar bei nur einer Person. Sie ist verantwortlich für alle musikalischen Dinge, ist am meisten mit allem vertraut und möchte, weil die Zeit fehlt, zu schnellen Entscheidungen kommen. Daraus entsteht schnell ein 24 Stunden-Job, was nur verhindert werden kann, wenn die anderen (z.B. GbR-Mitglieder) tatkräftig mithelfen. Dabei ist es von Vorteil, wenn jede(r) eine Aufgabe findet, die besonders gut zu ihr oder ihm passt.
Viele von den Musikerinnen und Musikern haben keine eindeutige Zugehörigkeit zu einem Ensemble. Und sie fehlt ihnen vielleicht. Dennoch fühlen sie sich in bestimmter Weise solidarisch mit und zugehörig zu einem oder zwei Orchestern und möchten besonders gern dort spielen. Merkwürdig wird es, wenn die „festen“ Kollegen und Kolleginnen die „Gäste“ zu beneiden beginnen, weil sie auf allen Hochzeiten tanzen können und mehr freie Zeit zur Verfügung haben als man selbst. Der Neid bleibt allerdings nicht lange. Zuweilen kommt es vor, dass man von dem Ensemble, dem man sich zugehörig fühlt, dazu aufgefordert wird möglichst viel auch bei anderen Gruppen zu arbeiten.

4. Eigene Einschätzung

Spätestens bei der Steuererklärung wird den freiberuflichen MusikerInnen klar, dass sie sich in einer Selbstständigkeit befinden: Die künstlerischen Leiter sind Unternehmer und tragen als GbR selbstverständlich das finanzielle Risiko für das Orchester. Die KSK muss abgeführt werden, wenn das Ensemble zum Veranstalter wird. Die anderen Kollegen, die sich außerhalb der GbR befinden oder Gäste sind, tragen auf jeden Fall die Verantwortung für sich selbst in allem, was sie tun. Dem Finanzamt sollte deklariert werden, was man im Jahr an Einnahmen und Ausgaben hat. Während die Listen hierfür angefertigt werden, sieht man deutlich, was im vergangenen Jahr passiert ist. Die leitenden MusikerInnen sehen, ob sich das eigene Orchester nach und nach etabliert und sich das eigene Profil bewährt hat. Wie ist die Jahresbilanz? Alle anderen FreiberuflerInnen können sehen, wo sie persönlich im Berufsleben stehen. In diesen beiden Gruppen, die sehr eng zusammenarbeiten wollen und müssen, gibt es sowohl Freude als auch Verdruss.
Freude kommt auf, wenn ein Konzert wirklich gelingt, wenn es einen Preis gibt oder wenn die neue CD hörenswert ist. Auch eine gute Zusammenarbeit innerhalb des Orchesters kann Freude schenken. In solchen Momenten befinden sich alle Kolleginnen und Kollegen auf einer Ebene.
Jeder kennt auch die schlimmen Zeiten. Streit bis zum Auseinanderbrechen des Ensembles ist ebenso bekannt wie lange schwelende Zwiste unter den KollegInnen. In Sitzungen oder Zweiergesprächen wird nach Lösungen gesucht, oder man holt sich Hilfe von Psychologen oder Mediatoren.
Bei einer gruppendynamischen Übung in einem Barock-Orchester sollten einmal alle Stimmführer ganz schnell in die Mitte des Raumes laufen. Neben einer ersten und zweiten Geige standen da plötzlich zwei Bratschisten in der Mitte. Dieses Orchester hatte nur eine Person in dieser Position, aber so viel ich weiß, war die Lage nicht deutlich.
Hier sind eine gute Einschätzung der Leitung und eine gesunde Selbsteinschätzung gefragt. Manchmal wird dem Musiker und der Musikerin aus bestimmten Gründen Verantwortung übertragen, eine überraschende Situation, die später vielleicht nicht mehr gilt. So spielt man bei einem Projekt als Stimmführerin mit einem Solo und kommt einige Wochen später wieder, um dann am dritten Pult zu sitzen. Wer sich gut einschätzen kann, lässt sich durch solche wechselnde Positionen nicht irritieren. Flexible Leute sind besonders gefragt. Wir sind alle unterschiedlich begabt, haben unsere Schwächen und Stärken, und da ist es ein Vorteil für alle Beteiligten, wenn man an einem „richtigen“ Platz sitzt, der wie gesagt nicht immer derselbe sein muss. KonzertmeisterInnen machen sich z.B. darüber Gedanken, wer mit wem in einer Geigengruppe von zehn Spielern zusammen sitzt: Wie ein roter Faden ziehen sich die erfahrenen Spieler durch die Gruppe. Bei den Bläsern und dem Continuo gibt es wieder andere Gesetze. Der jeweils erste Bläser bringt seinen zweiten mit, wenn sie oder er von außerhalb kommt. Und beim Continuo sucht man eine Gruppe zusammen, die sich möglichst kennt. In einem erfahrenen Ensemble wird man immer Gründe dafür finden, warum man jetzt an diesem oder an einem anderen Platz sitzt.
Das Schielen auf die anderen SpielerInnen und deren Position ist auf Dauer aufreibend und schluckt eine Menge Konzentration. Dagegen ist es sehr gut, und ich habe eine Weile gebraucht, um das zu merken, wenn man auf ein Projekt gut vorbereitet ist, freundlich auf Kritik reagiert und wirklich versucht, die Hinweise der anderen umzusetzen.

5. Alte Musik und moderne Musiker (Epilog)

In den Ensembles der historischen Aufführungspraxis gibt es und wird es immer moderne StreicherInnen geben, da viele, woher sie auch kommen mögen, sich von diesem speziellen Klang angezogen fühlen. Manche kommen aus Symphonie-Orchestern, spielen ihr Instrument auf hohem Niveau und können auf einen Dirigenten reagieren. Das ist nicht nur hilfreich, sondern auch sehr wichtig. Das heißt: wenn alte Musiker auf moderne Musiker treffen, kann etwas sehr Schönes entstehen. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht. In diesem Zusammenhang muss ich zugeben, dass ich noch nie in einer Abteilung für alte Musik einer Hochschule studiert habe, worauf ich nicht stolz bin.
Viel habe ich inzwischen von erfahrenen Musikerinnen und Musikern gelernt, und es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die verschiedenen Arten zu spielen gegenseitig beeinflusst haben und beeinflussen. Anner Bylsma, der einmal mit uns ein Boccherini Cellokonzert einstudierte, fragte bei der Probe, wer von uns auch auf einem modernen Instrument spielt. Nur wenige hoben die Hand. „Schade, das müsst ihr wirklich probieren, und versucht jetzt mal Klang zu machen!“
Er selbst musizierte das Stück im Konzert unglaublich kraftvoll, und wir selbst waren glücklich, mit ihm spielen zu dürfen.

Stephan Sieben, Hamburg

Geschrieben von

Stephan Sieben

Stephan Sieben

Unser Autor absolvierte sein Viola-Studium in Düsseldorf und Freiburg. Symphonie-Orchester in Den Bosch, Holland. Freiberuflich tätig ab 1988: Concerto Köln, Stuttgarter und Freiburger Barock-Orchester, Bach-Collegium Japan, Les Boreades Tokyo, Concerto Vocale und seit 1997: Akademie für alte Musik Berlin.

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