Arbeitsbedingungen

Gut Ding will Weile haben… oder: Das Warten hat (k)ein Ende. Honorarwartezeiten in der Freien Szene

Wartender Musiker
© Ilja Dobruschkin 2015
Ilja Dobruschkin
Geschrieben von Ilja Dobruschkin

Tolle Musik, wunderschönes Zusammenspiel, Applaus, Zugabe, begeistertes Publikum, glücklicher Dirigent, strahlende Gesichter der Solisten, selige Kollegen. Wofür, wenn nicht für das, kommen wir zu Proben und Konzerten? Die Antwort ist so langweilig wie ehrlich: auch für Geld! – Ja. Und wann kommt das?

Wer kennt dieses Szenario nicht: das Honorar ist bereits vor einem halben Jahr ausgemacht („Wie viel gab’s noch mal?“), das Konzert ist gespielt, die Rechnung unterschrieben und abgegeben. Es vergeht eine Woche („lass denen doch ein bisschen Zeit“), zweite und dritte Woche („sind bestimmt mit anderen Dingen beschäftigt und zahlen bald“), vierte Woche („vielleicht ist da was schief gegangen?“). Oft sind es auch fünf und mehr Wochen, bis man sich aufrafft, bei dem Veranstalter oder bei dem Organisator höflich anzuklopfen: „Ähm… könnte sein, dass meine Kontoverbindung nicht stimmt?“.

Also die Dame, die es verwaltet, kommt erst in zwei Wochen wieder aus dem Urlaub

Was hört man dann, wenn man „zu früh“ nachfragt? Hier sind die besten und häufigsten Antworten: „Ich kriege mein Gehalt auch erst am Ende des Monats“ – Gut für Angestellte, wenig Trost für Freiberufler, denn ein Angestellter hat einen Vertrag mit monatlicher Bezahlung, ein Freiberufler dagegen „schließt“ Verträge projektweise ab, d.h. nach dem Projektende ist auch das Honorar sofort fällig. „Die Finanzverwaltung kann es selbst auch nicht beeinflussen“ – Dies ist immer ärgerlich, denn die Finanzierung steht meistens schon lange Zeit vor dem Projektbeginn fest. „Man muss auch seine eigene Rechnungen z.B. aus dem Internetkauf erst innerhalb von 14 bzw. 30 Tagen bezahlen“ – Das räumt der Gesetzgeber ein, damit wir die Möglichkeit haben, ein gekauftes Produkt zurückzuschicken oder umzutauschen. Ein Konzert kann nun mal nicht zurückgeschickt oder umgetauscht werden, auch wenn sich das der eine oder andere Konzertbesucher oder Musiker schon manchmal wünschen würde. Sehr schön sind auch: „Also die Dame, die es verwaltet, kommt erst in zwei Wochen wieder aus dem Urlaub“, und die netteste: „Ich habe die Honorarzettel noch nicht abgeschickt, aber wenn du das Geld brauchst, kann ich dir das schon mal vorschießen“.

Was sind Musikprojekte aber aus finanztechnischer Sicht? Das kann man mit dem Verkauf eines im Voraus fertiggestellten Produktes oder einer abgeschlossenen Dienstleistung, wie einem Ladenkauf, einem Haarschnitt, einer Bahnfahrt oder einem Kinobesuch vergleichen.

Damit das Warten doch ein Ende hat, und zwar ganz schnell, müssen Freiberufler aktiv werden. Wird man beauftragt, ein Orchester oder ein Ensemble zusammenzustellen, hat man eine ziemlich einfache Gelegenheit, die Zahlungsfrist bereits im Vorfeld konkret zu definieren: innerhalb einer Woche nach dem Projektende. Ein einzelner Musiker braucht da schon mehr Mut, um solche Fragen anzusprechen, denn es gilt, dass Musiker sich mit solch niederer Materie nicht beschäftigen. Aber ein Vermerk auf dem Honorarzettel „Fälligkeit sofort“ wird sich doch ziemlich leicht machen lassen. Denn wenn kein Zahlungsziel angegeben wird, gilt die Zahlungsfrist von 30 Tagen und solche Rechnungen werden nachrangig bearbeitet. Und die Mitarbeiter der Finanzverwaltungen bekommen es meistens nicht mal mit, für welche Schwierigkeiten oder Verstimmungen das späte Zahlen sorgt – wenn sich niemand meldet.

Das Warten sorgt bei vielen Musikern für Demotivation oder Frustration, abgesehen von finanziellen Schieflagen – denn es ist üblich, noch vor Projektbeginn in Vorleistung zu gehen, z.B. mit den Bahnkarten oder mit einem Babysitter. Musiker gehen auch selbstverständlich in Vorleistung, aber sie rechnen damit, dass die Honorarzahlung nicht wochen- oder sogar monatelang auf sich warten lässt. Das Warten auf das Honorar schafft keine gute Arbeitsatmosphäre. Eine gute Atmosphäre ergibt sich aber aus gegenseitigem Respekt – seitens des Musikers durch Pünktlichkeit, Freundlichkeit, gute Vorbereitung und Zuverlässigkeit. Und seitens des Veranstalters durch Einhaltung der Probenzeiten, durch die Organisation der Versorgung und eben durch die Begleichung der Rechnungen ohne Verzögerung.

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Ilja Dobruschkin

Ilja Dobruschkin

Unser Redakteur wurde in eine Musikliebhaber-Familie hineingeboren und hat die Entfaltung der historischen Aufführungspraxis mitgehört. Nach seinem Quantensprung innerhalb der nördlichen Halbkugel darf Ilja nun auch immer mal wieder als freiberuflicher Geiger und Bratscher bei den praktizierenden Akteuren der sich inzwischen groß entfalteten Alte-Musik-Szene mitspielen. Er macht sehr gerne bei Aktivitäten für den Erhalt und Weiterentwicklung der Szene mit. In der VAM ist Ilja als Vorsitzender der Landesvereinigung Schleswig-Holstein aktiv.

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