Junge Leute

Schulprojekt des Göttinger Barockorchesters mit dem Ernst-Barlach-Gymnasium in Kiel

Barlach-Orchester
© BREVIS 2015
Ilja Dobruschkin
Geschrieben von Ilja Dobruschkin

Ende Februar 2015 fand am Ernst-Barlach-Gymnasium Kiel ein Gemeinschaftsprojekt statt, bei dem das Schulorchester von den Mitgliedern des Göttinger Barockorchesters unter der Leitung von Henning Vater Händels „Messias“ in der Mozart-Fassung vorbereitet und unter der Gesamtleitung von Sebastian Klingenberg mit dem Schulchor aufgeführt hat. Wir haben die Beteiligten befragt. Schüler-Interviews: Mischa Dobruschkin, 17 (Stimmführer der Bratschen)

Ihre Rolle im Projekt?

Sebastian Klingenberg: Ich bin der Initiator des Projektes. Ich habe das Werk vorgeschlagen und schließe mit der Einbindung der Mitglieder des GBO und ihres Konzertmeisters Henning Vater an eine Zusammenarbeit an, die wir am EBG vor Jahren auf Anregung unseres Dirigenten Neil Fellows eingerichtet haben. Bei diesem Projekt oblag mir die Gesamtorganisation von Notenbeschaffung, Terminpläne, Partitureinrichtung, Solistenwerbung, bis zur Öffentlichkeitsarbeit und Durchführung der Chor- und Endproben und der Leitung des Konzertes.
Henning Vater: Ich wurde – nun bereits zum dritten Mal – vom Leiter des Ernst-Barlach-Orchesters, Sebastian Klingenberg, gebeten, mit den Streichern an einer historisch orientierten Spielweise des Messias zu arbeiten. Das besondere in diesem Fall war die Tatsache, dass es nicht um das Händel-Original ging, sondern um die Bearbeitung von Mozart. Dies bedeutete, sich nicht auf barocke Idiome zu beziehen, sondern auf die der Wiener Klassik.

Warum habt Ihr bei diesem Projekt mitgemacht?

Marit Behnke, 17 (Stimmführerin der zweiten Geigen): weil ich erst mal finde, dass der „Messias“ ein total großes, eindrucksvolles Werk ist, und es hat mich sehr interessiert, wie die Mozart-Fassung im Gegensatz zur Händel-Fassung verändert ist… Und außerdem hat es mir die letzten Male bei Mozart-Requiem oder bei „Samson“ auch immer schon sehr viel Spaß gemacht. Und ich finde, man hat jedes Mal bis jetzt sehr viel neues noch davon mitnehmen können, also es war nicht so einfältig.
Hauke Gremmel, 23 (erste Geige): Ich wurde von Neil [Fellows – Dirigent des EBG-Orchesters, Anm. Redaktion] gefragt, ob ich mitspiele, weil anscheinend zu wenig Geigen da waren. Aber ich habe es trotzdem sehr gerne gemacht, weil ich ja schon zwei oder eine Arbeitsphase mit Henning gemacht habe, und das ist immer wieder sehr interessant, in dieser alten Spielweise zu spielen.

Warum gerade historische Aufführungspraxis?

Sebastian Klingenberg: Wir haben uns zum einen für historische Aufführungspraxis entschieden, weil wir sie für die einzig zeitgemäße Form des Umgangs mit Werken der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts halten. Ich selbst bin als Organist bei einem Spezialisten für historische Aufführungspraxis ausgebildet worden, bei Ludger Lohmann in Stuttgart, der nicht nur als Interpret und Professor, sondern auch als Autor eines Standardwerks über Aufführungspraxis auf Tasteninstrumenten bekannt geworden ist. Diese Ausbildung hat mich natürlich geprägt, so dass ich den Schülerinnen und Schülern gerne etwas davon weitergeben möchte. Zum zweiten kommt uns eine historisch informierte Spielweise und Gesangspraxis in vielfältiger Weise entgegen: die jugendlichen Stimmen haben es leichter, sich über einem Orchester zu behaupten, das in tiefer Stimmung spielt und durchsichtige, sprechende Phrasierungen pflegt. Das Klangideal einer „Starkstrom-Aufführung“ mit möglichst großen Stimmen würde es uns viel schwerer machen und wäre schon aufgrund unserer Verantwortung für eine gesunde Entwicklung der jugendlichen Stimmen abzulehnen.

Wie viele Projekte gab es schon in dieser oder ähnlicher Form?

Sebastian Klingenberg: In den vergangenen Jahren standen Händels Oratorium „Samson“, Buxtehudes „Membra Jesu Nostri“, das Weihnachtsoratorium von J.S. Bach und das Requiem von W.A.Mozart auf dem Programm.

Macht das Göttinger Barockorchester sonst oft Jugend-Projekte?

Henning Vater: Nein, mein Barockorchester macht solche Projekte bisher nur mit dem EBG. Und dann werden ja auch nur einzelne Kollegen gebraucht. Hier wähle ich gut aus: Fast alle, die bisher beteiligt waren, haben selbst Kinder im Jugendlichen-Alter daheim oder sind pädagogisch sehr aktiv. Ich selbst (ohne Orchester) habe mit dem Südniedersächsischen Jugendsinfonieorchester und mit dem Orchester der Abteilung Schulmusik der Musikhochschule Hannover gearbeitet.

Wie ist die Kooperation mit GBO entstanden?

Sebastian Klingenberg: Der Dirigent und Orchesterleiter des Sinfonieorchesters am Ernst-Barlach-Gymnasium war lange Zeit hauptberuflich als Hornist tätig und hat in dieser Funktion einmal in einem Konzert den Geiger und Konzertmeister des Göttinger Barockorchesters Henning Vater kennengelernt. Dieser erzählte ihm, dass er in Göttingen schon Projekte durchgeführt hätte, um Jugendorchestern die barocke Spielweise auf Streichinstrumenten nahezubringen. Genau dieses interessierte uns für das EBG.

Was ist besonders an der Arbeit mit Jugendlichen?

Henning Vater: Meine Erfahrung ist: Jugendliche sind nicht oder nur sehr wenig voreingenommen. Sie sind offen dafür, an Dinge anders als gewohnt heranzugehen. Die sind ganz generell flexibler als Erwachsene, was Lernen und vor allem „Umlernen“ betrifft.

Schwierigkeiten und Kritikpunkte?

Henning Vater: Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, dass der Zugriff auf „historisches“ Instrumentarium fehlt. Mit „barock“ eingerichteten Instrumenten und Bögen erschließt sich die Alte Spielweise viel zwingender. Außerdem befinden sich ja alle in der instrumentalen Grundausbildung. Und die ist logischerweise konventionell romantisch geprägt, was für das Erlangen einer gewissen Grundsolidität und -virtuosität auch sinnvoll ist.
Sebastian Klingenberg: Eigentlich habe ich kaum Schwierigkeiten bemerkt. Henning Vater verfügt über die Gabe, junge Menschen wirklich in seinen Bann zu ziehen und ohne autoritäres Führungsverhalten für die Musik zu begeistern – einfach, weil er selbst dafür brennt. Er ist nicht nur sehr gebildet und erfahren in diesem Bereich, er kann sein Wissen auch so vermitteln, dass die Jugendlichen ihm an den Lippen und am Instrument hängen, wenn er ihnen die Musik und die Spielweise vorstellt. So einen authentischen Umgang in diesem Bereich können weder Neil Fellows noch ich den Orchestermitgliedern bieten – genau dafür braucht man geeignete Spezialisten. Das lassen wir uns dann auch gerne etwas kosten, denn so eine aufwändige Workshop-Arbeit ist nicht mehr aus den Konzerteinnahmen zu finanzieren.
Marit: Erstmal fand ich es schade, dass bei den Proben mit Henning Vater nicht immer alle anwesend waren, und das hat den Fortschritt ziemlich beeinträchtigt. Also es hätte noch sehr viel mehr vorankommen können, finde ich. Und auch wenn jeder einzelner geübt hätte. Weil die Stücke sind ja doch auch nicht immer so leicht.
Hauke: Ich muss ehrlich sagen, dass ich es eine schwache Leistung fand, dass wir die Noten direkt am Tag, an dem wir schon das Projekt begonnen haben und stilistische Übungen mit Henning gemacht haben, erst bekommen haben. Ich fand es schwierig, sich dann auf die stilistischen Sachen zu konzentrieren, weil man einfach noch mit den Noten beschäftigt war.

Lob und Erfolge?

Sebastian Klingenberg: Der eigentliche Erfolg dieser Arbeit liegt für mich nicht in den ausgezeichnet besuchten Konzerten und den schönen Mitschnitten, sondern in der Nachfrage der Schülerinnen und Schüler, die trotz zeitaufwändiger Probenarbeit (meist drei bis vier Stunden nach einem langem Schulalltag!) immer wieder bestätigen, dass ihnen diese Arbeit viel bringt und dass sie sich eine Fortführung wünschen.
Henning Vater: Trotz der eben genannten Schwierigkeiten ist – womöglich nur in diesem wunderbaren Schulorchester? – die Offenheit für die andere Spieltechniken frappierend! Als außerdem sehr bemerkenswert habe ich die besondere Disziplin und Konzentrationsfähigkeit bei diesen Jugendlichen empfunden. Eigentlich untypisch für unsere Zeit und hoch erfreulich für jeden Pädagogen! Und dadurch ist auch letztendlich immer eine überzeugende Interpretation entstanden!
Hauke: Ich finde echt gut, dass wir die Fassung von Mozart gemacht haben, sodass auch die Bläser von uns da mitmachen konnten, denn sonst müsste man nebenbei auch etwas für die Bläser selber machen, weil sie ein Vierteljahr gar nichts zu tun hätten. Und auch fand ich das Ergebnis gut, das am Ende da war, dass einfach ein ganz anderer Klang als gewöhnlich entstanden ist, sehr beeindruckend und auch toll war. – BREVIS: – obwohl wir nicht auf Darmsaiten gespielt haben – Hauke: Ja, genau.
Marit: Loben würde ich, dass es schon sehr eindrucksvoll ist, dass unsere Schule so ein Projekt auf die Beine stellen kann – überhaupt, dass das möglich ist. Dass so viele Musiker an unserer Schule sind, dass so was zustande kommen kann – das ist was voll besonderes! Ich habe bisher auch nur von den ganzen Leuten, die mitmachen bei dem Projekt positive Sachen gehört, dass sie das eine ganz besondere Erfahrung finden und dass sie vielleicht sonst nicht die Chance dazu bekommen hätten – wenn das nicht an unserer Schule so wäre.

Wie oft wart Ihr schon dabei und würdet Ihr wieder dabei sein?

Marit: Ich war bei allen Projekten dabei. Und ich fand das Projekt ganz besonders eindrucksvoll, wo die ganzen Barockbläser dabei waren. Das war wirklich eine ganz komplett neue Erfahrung, man wird davon so mitgerissen, weil diese Bläserfront völlig anders ist und so besondere Instrumente dabei sind, die nicht so gängig sind. BREVIS: Und das ist jetzt nicht so? – Marit: Nee, diesmal haben wir ja andere Bläser, von der Schule, dabei. Und ich finde es erstaunlich, wie gut das schon jetzt ist… Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht ganz so erwartet… Ich würde auf jeden Fall noch mal mitmachen, weil ich jedes mal wieder neue Erfahrungen gesammelt habe, und ich finde es auch toll, mal so richtig große Werke zu spielen, in dieser besonderen Spielart – das finde ich echt sehr interessant. Das einzige… also es war dann doch jetzt sehr großer Zeitaufwand, fand ich. Das waren viele Proben und das waren auch an den Wochenenden und in der Woche noch mal viele Stunden – es war schon sehr anstrengend. Und irgendwann zwischendurch dachte ich auch schon so – irgendwie ist es ganz schön viel, alles. Aber es ist vermutlich auch notwendig.
Hauke: Ich glaube, ich habe das Weihnachtsoratorium auch mitgespielt, also muss ich bei allen Projekten mit dabei gewesen sein. In Anbetracht meines fortgeschrittenen Alters muss man da nächstes Mal gucken, wieweit Plätze da sind, da ich auch nicht möchte, dass irgendwer, der gerne mitspielen möchte nicht mitspielen kann. Bin eigentlich zu alt hier…

Geschrieben von

Ilja Dobruschkin

Ilja Dobruschkin

Unser Redakteur wurde in eine Musikliebhaber-Familie hineingeboren und hat die Entfaltung der historischen Aufführungspraxis mitgehört. Nach seinem Quantensprung innerhalb der nördlichen Halbkugel darf Ilja nun auch immer mal wieder als freiberuflicher Geiger und Bratscher bei den praktizierenden Akteuren der sich inzwischen groß entfalteten Alte-Musik-Szene mitspielen. Er macht sehr gerne bei Aktivitäten für den Erhalt und Weiterentwicklung der Szene mit. In der VAM ist Ilja als Vorsitzender der Landesvereinigung Schleswig-Holstein aktiv.

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