Arbeitsbedingungen Ratgeber

Mut zum Profil: (Self-)Marketing für freiberufliche konzertierende Musikerinnen und Musiker

Felsen mit ProfilFelsen
© Ilja Dobruschkin
Britta Helmke
Geschrieben von Britta Helmke

„Selbstvermarktung“ – darunter versteht man landläufig, sich selber als „Produkt“ darzustellen, die passende Zielgruppe dafür zu suchen, herauszufinden, wie man mit dieser optimal kommuniziert, und sich ihr anzubieten. Literatur über (Self-)Marketingstrategien – auch für Musikerinnen und Musiker – gibt es inzwischen reichlich, allerdings oft in einem Maße abstrahiert und verallgemeinert, dass ein zusätzliches Interpretationshandbuch nötig wäre, um den speziellen Kontext zur Situation einer Musikerin herzustellen.

Dabei ist der Prozess der Selbstvermarktung eines Musikers gar nicht so kompliziert – die wirkliche Hürde liegt für die meisten freiberuflichen Musiker eher vor dem eigentlichen Aktivwerden, nämlich dann, wenn sie ihr Produkt, also ihre eigene künstlerische Darstellung, bestimmen wollen.

Das stellt uns Musiker vor die grundsätzliche Frage: Was wollen wir denn überhaupt vermarkten – soll es das Projekt sein, womit wir am leichtesten und meisten Geld verdienen, oder wollen wir spielen, woran unser Herz hängt? Für ersteres würden wir unseren Wohnort und Arbeitsmittelpunkt genauer betrachten unter dem Aspekt, welches potentielle Publikum dort wohnt, was es am liebsten hören will und wie wir ihm das geben können – und wenn es sich überwiegend aus Fans von Helene Fischer zusammen setzt, versuchen wir die Dame eben zu covern…

Ich gehe aber davon aus, dass nur ein verschwindend geringer Teil aller Musikerinnen und Musiker ein Musikstudium beginnt mit der vordergründigen Absicht, viel Geld zu verdienen – ganz egal mit welcher Musik. Uns geht es um (musikalisch-künstlerische) Selbstverwirklichung, wir wollen spielen, woran unser Herz hängt, oft gemeinsam mit anderen in bestimmten Konstellationen – nennen wir das im Folgenden ruhig bewusst kitschig „Herzblutprojekte“.

Das „Produkt“, das vermarktet werden soll, sind grundsätzlich wir Musiker selbst – mit allen Ecken und Kanten und Ungereimtheiten, die uns unverwechselbar und spannend machen, die es aber auch so schwer machen, zu formulieren, wer wir sind. Was ist der Schwerpunkt meines künstlerischen Anliegens, und wie kommuniziere ich dieses so, dass auch Nicht-Musiker es begreifen, ohne Fachliteratur wälzen zu müssen? Und wie finde ich überhaupt zu meinem Schwerpunkt? Ist tatsächlich allein entscheidend, woran mein Herzblut hängt, oder lasse ich mich von erhofften höheren Erfolgsaussichten zu Kompromissen verführen, weil mir schwant, dass ich mittelfristig doch sehr gerne profane irdische Luxusgüter genießen möchte – Haus, Auto, Reisen, und ich befürchte, mir diesen Luxus allein durch kompromisslose Herzblutprojekte nicht leisten zu können?

Wir verfangen uns allzu oft im Netz der vielfältigen Möglichkeiten, die unser Potential und die weitgehend offene Kulturlandschaft uns bietet. Wir spielen auf Kleinkunstbühnen, muggen in (auch semiprofessionellen) Orchestern, umrahmen als musikalische Deko Firmenevents, Diners, Hochzeiten, konzertieren (mehr oder weniger selbstbestimmt) auf Kammermusikbühnen. Eigentlich kann jeder Musiker so ziemlich alles – und wenn er die Wahl hat zwischen einem Wochenende ohne Auftritt und einem mit einer schlecht-, aber immerhin bezahlten Mugge, mag sie auch von seinem Herzblut weit entfernt sein , so entscheidet er sich mit größerer Wahrscheinlichkeit für die Mugge – sei es aus Angst, sich durch eine Absage aus dem betreffenden „Muggenkreis“ zu bugsieren, oder weil er befürchtet, gute Kontakte zu verpassen oder schlicht nicht genug Einkommen zu haben.

Das ist (s)ein erster Schritt Richtung „Profillosigkeit“ – und ein erster Schritt in den Teufelskreis „unterbezahlte Gigs lassen keine Zeit für Akquise/ drum kann keiner von mir wissen und mich besser engagieren/ ich spiele also nur die immer selben unterbezahlten Gigs, die lassen mir keine Zeit für Akquise/ drum kann keiner…“ usw. Uns fehlt der Mut, unsere Zeit statt in halbherzige Muggerei in intensive Werbung zu investieren, die uns unserem „Herzblutprojekt“ näher bringt. Und nebenbei: Genauso wie wir auf den richtigen Kontakt bei der falschen Mugge hoffen, kann uns der richtige Kontakt bei der falschen Mugge schlicht falsch wahrnehmen – und damit nicht dort einordnen, wo wir eigentlich gerne wären, weil er uns im falschen Kontext erlebt.

Das soll uns nicht unter Druck setzen, nicht mehr muggen zu dürfen, wo und was ich will: Wenn ich rundum glücklich bin mit Dinnermusik, Hochzeiten und Firmenevents, gibt es nicht das Geringste dagegen einzuwenden!

Wahlloses halbherziges schlechtbezahltes Muggen hält kaum jemand über Jahre hinweg durch (was man unschwer am Altersdurchschnitt des üblichen „Muggers“ erkennt), so dass wir nichts verpassen, wenn wir es – wenigstens für einen bestimmten Zeitraum! – wagen, bestimmte Muggen nicht anzunehmen – die Fluktuation erlaubt uns, für den Fall, dass wir mit unserem Herzblutprojekt baden gehen, wieder ins Muggengeschäft einzusteigen…

Unter inhaltlichen Kompromissen leidet unser Selbstverständnis als Künstler – und mitunter auch unser Ruf: Vor einigen Jahren stand „Weltmusik“ als Mode-Event in vielen Veranstaltungskalendern. Prompt fand ich die CD eines renommierten Flötisten, der auf diesen Zug aufspringen wollte. Da ich besagten Flötisten als Interpreten klassischer Werke sehr verehre, kaufte ich natürlich – mit entsprechend hohen Erwartungen – seine neue Scheibe. Leider musste ich feststellen, dass seine Interpretation von Tango darin bestand, Intonation, Tonqualität und Metrum großzügigst zu ignorieren; die CD steht inzwischen als Negativ-Beispiel für meine Schüler im sogenannten „Giftschrank“…

Einige Musiker der Alten-Musik-Szene erinnern sich sicherlich noch mit Schaudern an eine (glücklicherweise kurze) Phase vor etwa 15 Jahren, in der die „Alte Musik“ in Konzertsälen deutlich präsenter wurde und schnell Publikum gewann. Das war natürlich eine höchst willkommene Entwicklung, allerdings meinte plötzlich jeder zweite, auch Alte Musik spielen zu müssen – und zu können. So auch ein Flötistenkollege von mir, der mir auf seiner neu erstandenen Traverso ein Wohnzimmerkonzert quer durch seine Sammlung der Barockmusik aufzwang. Mein ungläubiges „Stimmt mit dem Instrument was nicht?!“ wegen des in befremdlichem Rauschen und Gurgeln kaum wahrnehmbaren Tones parierte er mit überzeugtem „Nee, damals hat man so gespielt!“, genauso wie die experimentelle Intonation („Doch, die Oktave war früher anders“), abgerundet durch Klischees wie „Vibrato gabs da noch gar nicht“ und „Triller fangen ja immer von oben an“.

Beide Flötisten erhofften sich durch das Bedienen eines neu entstandenen Marktes mehr Engagements, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass sie diese aufgrund mangelnden Verständnisses und fehlender Auseinandersetzung schlichtweg nicht spielen konnten – und nach dem ersten Hype wahrscheinlich aus denselben Gründen nicht einmal übermäßig schätzten. Nach „Herzblut“ klangen beide Flötisten jedenfalls nicht…

Nehmen wir also an, wir entscheiden uns mutig, unser Herzblutprojekt zu versuchen. Wichtig ist für potentielle Veranstalter, Publikum und uns selber gleichermaßen, dass wir unser Projekt so kurz und schlicht formulieren können wie möglich. Manchem Musiker erschließt sich sein künstlerischer Schwerpunkt sofort und eindeutig, andere Kollegen finden nur schwer ihr Profil – oft weil sie „…einfach alles irgendwie gerne spielen“. Aus Angst, nicht alle potentiellen Auftraggeber bedienen zu können, fächern sie ihr Angebot breitestmöglich und versuchen sich in allen Genres, Stilrichtungen und Epochen; für Veranstalter oder Agenturen erscheinen sie damit einfach nur beliebig, man wird sich nur schwer an sie erinnern.

Um mich meinem musikalischen Profil so anzunähern, dass es greifbar wird, versuche ich alles auszuschließen, worauf ich verzichten kann, zunächst aus „sicherer Entfernung“, dann in engeren Kreisen. Sich für eine Besetzung zu entscheiden, ist auch für ganz Ängstliche eher „ungefährlich“ – und schon mal ein Anfang. Möglicherweise ergibt sich bereits über die Besetzung ein Profil: Entweder über das Instrumentarium, das für eine bestimmte Epoche/ Stilistik/ Bevölkerungsschicht/ Konzertort etc. maßgeblich ist, oder über die Musiker und ihre Herkunft selber. Vielleicht haben alle/ hat der führende Kopf des Ensembles ein Lieblingswerk, das das Ensemble zusammen geführt hat, oder vielleicht lässt sich die Literatur wenn nicht zeitlich, so doch räumlich eingrenzen. Auch grundsätzliche Vorstellungen von Interpretation und/ oder Zusammenspiel können das Profil eines Ensembles beschreiben. Nicht nur für die Nicht-Musiker unter potentiellen Auftraggebern ist unser Profil oft leichter greifbar, wenn wir uns nicht in komplizierten Musikertermini verzetteln, sondern uns über außermusikalische Inhalte nähern. So das Bremer Alte-Musik-Ensemble „Los Temperamentos“, dessen Namensgebung im wahrsten Sinn des Wortes Programm ist (www.lostemperamentos.de): Als „Temperamente“ bezeichneten die alten Griechen grundlegende Charaktertypen bzw. Gemütsarten. Klar ist sofort, dass uns kein steril distanzierter Vortrag erwartet, sondern dass das Ensemble Wert auf affektgeladene Interpretationen legt. Die Namensgebung auf Spanisch spielt außerdem auf die lateinamerikanisch-deutsche Besetzung an, die musikalische Einflüsse Südamerikas in reizvollen Kontext zur Alten Musik setzt.

Das Berliner Ensemble „Bolivar Soloists“ (www.bolivarsoloists.com), das sich der Interpretation lateinamerikanischer klassischer Kammermusik verschrieben hat, beschreibt wiederum sein „Profil“ in Konzertprogrammen mit der Familiengeschichte des Ensemblegründers, dessen nach Südamerika emigrierte litauisch-polnische Großeltern ihn mit jüdischem Liedgut vertraut machten; seine Eltern, beide in Montevideo geboren, lehrten ihn Tangomusik kennen und lieben, seine Kindheit verbrachte er an der venezolanischen Karibikküste unter dem Einfluss afrokaribischer Rhythmen – ein kurzer Abriss durch drei Generationen Familienhistorie, die bildhafter die Vielfalt lateinamerikanischer Kammermusik nicht darstellen könnte.

Oft sorgen wir uns, dass uns Aufträge entgehen könnten, weil unser Profil nicht alles umfasst, was wir tatsächlich spielen könnten; wir befürchten, nicht gefragt zu werden, weil Komponisten oder Werke nicht aufgezählt sind. Kein ernstzunehmender Auftraggeber wird allen Ernstes denken, wir können kein Werk von Telemann spielen, weil nur Bach auf unserer Homepage steht! Wenn wir ihn interessieren, wird er uns fragen; wir interessieren ihn, wenn wir ein erkennbares Profil haben, nicht wenn wir konturenlos und beliebig erscheinen.

Sicherlich gibt es auch den ein oder anderen unter uns Musikern, der tatsächlich keinen Schwerpunkt in seiner Literatur findet, weil er bewusst alles spielen und sich nicht einschränken möchte. Das gehört in diesem Fall zu seinem Profil und ist selbstverständlich in Ordnung – und sollte so offensiv kommuniziert werden, dass unmissverständlich klar ist, dass der Musiker vielseitig, nicht beliebig ist. Mit einiger Wahrscheinlichkeit lässt sich auch für diesen Musiker ein Alleinstellungsmerkmal unabhängig von Literatur finden.

Für unser Profil brauchen wir Mut – sei es, weil es uns „zu normal“ erscheint (weil es doch so viele Streichquartette gibt – oder?!) und wir befürchten, in der Masse an vergleichbaren Angeboten unterzugehen, sei es, weil wir im Gegenteil fürchten, zu ausgefallen zu sein, so dass sich zu wenig Publikum und damit Veranstalter für uns interessieren, oder sei es auch nur, weil wir Angst haben, uns durch ein klar umrissenes Profil in unserem künstlerischen Tun selber einzuschränken. Letzteres können wir getrost gleich wieder verwerfen: Niemand verpflichtet uns „lebenslänglich“ zu unserem Profil; wenn sich unser Herzblut verlagert, wenn wir das Bedürfnis nach Neuem haben, dann ändert sich eben auch unser Profil.

Auch die Befürchtung, zu „normal“ zu sein, ist meistens unbegründet. Bei genauerem Hinsehen ist es sogar verdammt schwer, im Netz etwa ein Ensemble zu finden, das in „meiner“ Besetzung „meine“ Literatur spielt und genau mein Profil ausfüllt. Sollte ich tatsächlich ein entsprechende s Ensemble finden, ist die Chance wiederum gering, dass dieses eine Ensemble mir bundesweit alle potentiellen Gigs vor der Nase wegschnappt…

Schwerer kann es sein, wenn mein Profil sehr ausgefallen ist; potentielle Auftraggeber möchten dann gerne als Rückversicherung wissen, dass mich schon mal Publikum gehört und geschätzt hat. Referenzen, Konzertkritiken geben solche Rückversicherung – für ganz ausgefallene Projekte hilft mir also die Flucht nach vorne: Konzerte selber organisieren und Leute einladen, die über und für mich schreiben.

Zurück zum Profil: Ohne möglichst genau zu wissen, was ich möchte, ist es beinahe unmöglich, über längere Zeit einer erfüllenden Konzerttätigkeit nachzugehen. Je genauer ich für mich eingrenzen kann, woran ich mein Herzblut hängen möchte, umso klarer und überzeugender kann ich das kommunizieren. Erst dann kann ich auch herauskristallisieren, wer mein Publikum sein kann/ soll, welche Sprache es spricht, und welcher Veranstalter oder welcher Veranstaltungsort für mein Programm passend ist. Wenn ich mich jahrelang mit unklarem Projekt für ein (zu) beliebiges Publikum an Veranstalter wende, kann das eine sehr frustrierende Angelegenheit werden… Mit klarem Profil und ausreichend Hartnäckigkeit kann ich mir mit dem, woran mir musikalisch liegt, beständige Konzerttätigkeit aufbauen; eine Garantie dafür, dass ich mir damit einen bestimmten erhofften Lebensstandard leisten kann, gibt es natürlich nicht, aber die Chance ist deutlich größer als bei beliebiger Muggerei oder zu vielen Kompromissen – immer vorausgesetzt selbstverständlich, dass ich nicht nur ein spannendes Profil habe, sondern auch auf der Bühne eine exzellente Musikerin bin.

 

Geschrieben von

Britta Helmke

Britta Helmke

Unsere Autorin ist Querflötistin. Sich über den Verdacht der Profillosigkeit hinwegsetzend lebt sie ein gewollt buntes Musikerinnenleben: Sie spielt(e) im klassischen Sinfonieorchester und für Musicaltheater, als Bühnenmusikerin diverser Theaterproduktionen, mit einem französischen Chansonnier und in verschiedenen Kammermusikbesetzungen. Seit 2007 unterrichtet Britta Helmke an der Hochschule für Künste Bremen Berufskunde und Konzertorganisation.

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